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Handbuch der Geisteskrankheiten: Dritter Band Allgemeiner Teil III
Name: Handbuch der Geisteskrankheiten: Dritter Band Allgemeiner Teil III
Author: e. gamper
Pages: 342
Year: 1928
Language: English
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Inhaltsverzeichnis. Seite Korperbau und seelische Anlage. Von Privatdozent Dr. F. GEORGI, Breslau. (Mit 23 Abbildungen). ... . . . . . . . . . . . . . . . . .. I A. Historische Vorbemerkungen . . . . . . . . B. Allgemeine Konstitutionsfragen . . . . . . . C. Korperbauuntersuchungen nach KKETSCHMER I. . . . . . . II. Korperbau Typen . . . 1. Pyknischer Habitus . 2. Leptosomer Habitus. 3. Athletischer Habitus. 4. Dysplastischer Habitus. a) Der eunuchoide Hoch und der polyglandulare Fettwuchs b) Hypoplasien (Infantilismen). . . . . . '.' III. KorperbaumaI3e der 3 Konstitutionstypen ... . IV. Korperbau und seelische Anlage ........ . V. Ausbau und Kritik der modernen Korperbaulehre Literatur ............. '.' ...... . Die nenrologischen Storungen bei Geisteskrankheiten. Von Professor Dr. M. ROSENFELD, Rostock . Einleitung . . . . . . . . . . . . 1. Die Storungen der Sprache . 2. Die Storungen der Schrift. . 3. Rechts und Linkshandigkeit. 4. Die Rechts Links Blindheit. 5. Motorische Storungen. . . Motorische Varianten der epileptischen Anfalle 78. Mitbewegungen 79. Ticbewegungen 79. Katalepsie (tonische Perseveration) 80. Adiadocho kinese (BABINSKI) 81. Motorische Riickstandigkeiten 81. Myoklonie 83. Zitterbewegungen 83. Seelenlahmung 84. 6. Gleichgewichtsstorungen und Schwindelempfindungen . . . . . . . . . . . 7. Die Rhythmik Geisteskranker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8. Storungen der Pupillenbewegungen. . . . . . . . . . . . . . . . .. . . . Die Storungen der Akkomodation 86. Die Form der Pupillen 87. Die Anisokorie 87. Die Pupillenweite 87. Die Konvergenzreaktion der Pupillen 88. Das Orbicularisphanomen der Pupille 89. Der galvanische Lichtreflex der Pupille 89. Die Pupillenunruhe und die Psychoreflexe 89. Die Pupillen im Schlaf 90. Der oculopupillare Reflex und die Schmerzreaktion 90. Die Angstpupillen 91. Die willkiirliche Pupillen erweiterung 91. Die reflektorische Pupillenstarre (ARGYLL RoBERTSON) 92. Die absolute Pupillenstarre 93. Die paradoxe Pupillenreaktion 94. Die katatone Pupillenreaktion 94. Das vagotonische Pupillenphano men 95. Die myotonische Pupillenreaktion 95. Krampfzustande im Sphincter pupillae 95. Der Hirnrindenreflex von HAAB oder der V or stellungsreflex von PILTZ 95. Hemianopische Pupillenstarre 96. 9. Das Augenzittern (Nystagmus) .................... . 10. Die Haut und Sehnenreflexe und verwandte Phanomene ......... . II. Die Storungen der elektrischen und mechanischen Erregbarkeit der Nerven und Muskeln ........... . I 6 9 9 17 20 25 30 34 34 36 37 39 42 57 62 62 64 70 72 74 75 84 85 86 96 97 101 12. Blasen und Mastdarmstorungen . 103 13. Sehstorungen ........ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Augenmuskellahmungen 106.


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VI Inhaltsverzeichnis. Seite 14. Hiirstiirungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 108 15. Geschmacks und Geruchsstiirungen . . . . . . . . . . . . . . . . .. 109 16. Sensibilitatsstiirungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Taktile Agnosie und Stereoagnosie 112. Thalamisch subcorticale Sensibilitatsstiirungen 113. Hysterische Sensibilitatsstiirungen 114. 17. Stirnhirnsyndrome 115 18. Balkensyndrome . 116 19. Ventrikelsyndrome 117 20. Migranesyndrome . 117 Literatur. . . . . . . . 121 PuIs. Blutdruck. Vasomotorische Storungen. Blutverteilung. Von Professor Dr. E. Kii:PPERS, Freiburg i. Br. (Mit 7 Abbildungen.) . 130 I. Allgemeine Vorbemerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 II. PuIs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 1. Die Abhangigkeit des Pulses yom seelischen Geschehen im allgemeinen . 132 2. Der PuIs bei Neurosen und Psychosen. . . . . . . . 134 III. Blutdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 1. Blutdruck und psychisches Geschehen im allgemeinen 136 2. Der Blutdruck bei Neurosen und Psychosen . 137 IV. Vasomotorische Stiirungen. . . . . . . . . . . . . . 138 V. Blutverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 1. Blutverteilung und psychlsches Geschehen im allgemeinen . 141 2. Die Blutverteilung bei Psychosen . . . . . . . . . . . 145 Literatur ......................... 152 Korpergewicht. Endokrines System. Stoffwechsel. Von Professor Dr. O. WUTH, Miinchen Kreuzlingen. (Mit 17 Abbildungen.) 154 I. Kiirpergewicht . . . . . . . . 154 1. Manisch depressives Irresein. 155 2. Schizophrenie . . . . . . . 156 3. Epilepsie . . . . . . . . . 157 4. Paralyse. . . . . . . . . . 157 5. Organische Rirnerkrankungen . 159 6. Zusammenfassung 159 II. Endokrines System. . 160 III. Stoffwechsel . . . . . 164 1. Progressive Paralyse 2. Schizophrenie . . . 3. Manisch depressives Irresein. 4. Epilepsie . . . . . . . . . Literatur ........... . Serologie der Geisteskrankheiten. Von Professor Dr. V. KAFKA, Hamburg 164 170 179 191 211 Friedrichsberg. (Mit 30 Abbildungen) und 10 Tabellen. 218 A. Einleitung ............... ... B. Allgemeines iiber Methoden und Ergebnisse . . . I. Technik der Entnahme der Kiirperfliissigkeiten II. Die Untersuchung selbst. 1. Das Blut im ganzen . 2. Blutkiirperchen. 3. Blutplasma 4. Blutserum. . . 5. Liquor .... C. Spezielle Humoralpathologie der Psychosen. D. SchluBbetrachtung. Literatur ..... N amenverzelChnis Sachverzeichnis . 218 220 220 221 221 221 222 223 244 272 299 302 316 326


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I{orperbau und seelische Anlage. Von F. GEORGI Breslau. Mit 23 Abbildungen. Das Problem "Korperbau und seelische Anlage" gehort zu den Fragen, die seit dem AltertumArzte, Philosophen und Laien mehr als aile anderen im Rahmen dieses Handbuchs besprochenen Gebiete beschaftigt haben. Kaum ein anderes medizinisches Problem ist im Laufe der Jahrhunderte so wie dieses immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses geruckt, hat zeitweise uber die engeren Fachgenossen hinaus in allen Kreisen Interesse erregt, um nach mehr oder weniger langerer Zeit wieder in vollige Vergessenheit zu geraten. Man darf dem im ubrigen nicht mit Unrecht viel geschmahten LAVATER darin wenigstens bei stimmen, wenn er fur die Popularitat der Korperbaufrage den Umstand ver antwortlich macht, "daB die Physiognomik alle Menschen taglich leitet, daB, wie SULZER sagt, jeder Mensch, er mag es wissen oder nicht, etwas von der Physiognomik versteht, daB nicht ein lebelldiges Wesell ist, welches nicht aus dem AuBeren auf das Innere, wenigstens nach seiner Art, Schlusse macht, nicht von dem, was in die Sinne fallt, das beurteiIt, was nicht in die Sinne fallen kann. " Auch heute stehen wir in der Gesamtmedizin unverkennbar in dem Zeichen einer solchen Phase, in der unter neuen Gesichtspunkten im Rahmen der Kon stitutionsforschung der Habitus in ursachliche Beziehung zu Krankheiten ver schiedenster Art gesetzt wird. In der Psychiatrie speziell war es KRETSCHMER, der 1921 als erster umfassend die Beziehungen des Korperbaues zu psychisch .abnormen Reaktionsweisen studierte, um dann auf Grund der Befunde bei Geisteskranken in neuer, pragnanter Form die Bedeutung des Korperbauesfur die seelische Anlage ganz allgemein darzutun. Bei dem Schiffbruch, den bisher aIle Deutungen eines psychophysischen Parallelismus erlitten, soweit sie besonders Habitusmerkmale als Symbol fur .seelische Eigenart aufzustellen suchten, ist es ohne weiteres verstandlich, daB auch der modernen "Typendiagnostik" von psychiatrischer wie internistischer Seite starkes MiBtrauen entgegengebracht wird. Da wir noch mitten im Kampf der Meinungen stehen, erscheint eine abschlieBende lehrbuchmaBige Darstellung dieses Fragekomplexes kaum moglich. Es wird vieImehr auf. Grund einer Gegen uberstellung alter und neuer Lehren darzustellen sein, inwiefern sich die heutigen Anschauungen, von Spekulationen und Phantastereien fruherer Lehren befreit, bei anfanglich intuitiver Erfassung, auf wissenschaftlicher Grundlage aufbauen. A. Historische Vorbemerkungen. Ullabhangig von den Unterlagen, die jedem Jahrhundert zur wissenschaft lichen Bearbeitung der Frage nach den Beziehungen zwischen Korperbau und seelischer Art zur Verfugung standen, konnen wir ganz allgemein 3 Epochen Handbuoh der Geisteskrankheiten. III. 1


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2 F. GEORGI: Korperbau und seelische Anlage. unterscheiden. In der ersten etwa bis 500 v. Chr. liegt das Hauptinteresse auf dem Seelischen, das Korperliche wird als Ausdruck zu seiner Ergriindung herangezogen. Schon die alten Inder glaubten das Gefiihlsleben auf Grund auBerlicher Merkmale erkennen zu konnen. Sie achteten nicht nur auf die Art des Knochengeriists, des Korperumfanges usw., sondern bereits auf GroBe der Genitalien, auf Beschaffenheit von Haar und Stimme und unterschieden danach z. B. bei Mannern 3 Typen, die sie symbolisch "den Hasen, den Ochsen und das Pferd" benannten. Auch bei den Arabern scheint (s. WEICHBRODT) der Habitus als Ausdruck seelischen Verhaltens weitgehend beriicksichtigt worden zu sein. Nicht anders ist wohl z. B. eine tJberlieferung zu verstehen, nach der ein Araberkonig durch Abgesandte ein Bild von Moses malen lieB, urn aus diesem durch seine Weisen den Charakter zu ergriinden. DaB eine "Fehl diagnose", also die falsche Beurteilung des Charakters auf Grund des hergestellten Bildes den Konig iiberraschte, diirfte wohl darauf hinweisen, wie eingewurzelt die Idee eines "psychophysischen Parallelismus" schon zu jenen Zeiten war. Auch in der Kunst der alten Agypter finden sich nach CARUS vor allem in der variierenden Darstellung des Schadels Anzeichen, die auf die Bedeutung hin weisen, die man derartigen Abweichungen als Ausdruck eines besonderen Wesens, einer besonders gearteten Personlichkeit zuschrieb. Mit dem Einsetzen der hellenistischen Epoche sehen wir einen Wandel in den Anschauungen eintreten. Das Psychische trat in den Hintergrund, die Krasenlehre, die neuentdeckte Humoralpathologie beherrschte jahrhunderte lang aIle Kreise; eine Temperamentenlehre konnte sich nur in ihrem Schlepptau bewegen dem individuellen Korperbau wurde wenig Beachtung geschenkt, das Primare und Wichtigste war die Saftemischung. So entstand auf Grund einer Dyskrasie, einer falschen Siiftemischung durch tjberfluB an gelber Galle das cholerische, durch schwarze Galle das melancholische, durch Oberwiegen von Blut das sanguinische und durch das Vorherrschen von Schleim das phleg matische Temperament. Beziehungen dieser Dyskrasien und Temperamente zur auBeren Konfiguration wurden zunachst vernachlassigt. Erst GALEN schlieBt den Ring, indem er den 4 Temperamenten als weiteren Ausdruck andeutungs weise verschiedene Korperbautypen zuordnet. Beim Oberwiegen der gelben Galle spricht er von einem straffen Korperbau, von lebhafter Durchblutung, bei schwarzer Galle von Hagerkeit, einer dunklen Haut und einem diisteren Blick, beirn Vorherrschen des "Blutes" von einem frischen Aussehen, wahrend dem 4. Typ (Schleim) ein stumpf blaB aufgeschwemmtes Aussehen zukommen soIl. Derartigen Auffassungen begegnen wir noch weit ins Mittelalter hinein, soweit nicht noch primitivere Vorstellungen Platz greifen. Dazu sind die Anschauungen eines BARTHOLOMAUS COCLITUS VON BONONIEN (1530) zu rechnen, der dickes groBes Haar auf dem Haupt als ein untriigliches soma tisches Kennzeichen eines unkeuschen Menschen mit gutem Gedachtnis, Tragheit und Wunderlichkeit anspricht. Er iibertrifft damit an Naivitat sogar noch die Diktion des vielfach als Urvater der Konstitutionsforschung angesprochenen ARISTOTELES, der u. a. Menschen mit rauhem Haar als mutig pries, da ja auch der Lowe rauhes Haar habe. Ahnlich groteske Beispiele liellen sich beliebig vermehren. Immerhin fallt seit dem Mittelalter trotz der haufig abnormen und mit wunderlichstem Aberglauben durchsetzten Vorstellungen von angeblichen Beziehungen zwischen Korperbaugestaltung und seelischem Verhalten ein ncuer Umschwung auf, der das Seelische wieder in den Mittelpunkt riickt. So ist esnicht verwunderlich, daB nach den Ausfiihrungen, wie sie u. a. durch den Theologen THOMAS VON AQUINO verbreitet wurden, der "die ernahrende und wachstumbedingende Tatigkeit des Korpers ebenso der Seele wie die bewegende,


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Historische Vorbemerkungen. 3 auffassende und erkennende zuwies", die Idee allmahlich Platz griff, daB das Individuelle jeder seelischen Anlage sich in einer besonderen Gestaltung des Karpel's kund tun mlisse. Abel' auch diesel' Gedanke wurde nicht konsequent verfolgt, sondeI'll lieferte im allgemeinen lediglich einen Deckmantel flir Aber glauben, Wahrsagekunst u. a. Unternehmungen, wie sie sich als Physiognomik del' Hand, del' Chiromantie namentlich im 15. und 16. Jahrhundert ungehindert ausbreiten konnten. Es fehIte immerhin schon damals nicht an wal'llenden Stimmen, die wie LEONARDO DA VINCI ein derart pseudowissenschaftliches Treiben als "Chimare", die jedes "wissenschaftlichen Fundaments ermangele", bezeichneten. Nach den Anfzeichnungen von CARUS, libel' dessen Schriften noch eingehender zu berichten ist, scheint yom Mittelalter bis ans Ende des 18. Jahrhunderts nur ein Gelehrter, del' sich mitPhysiognomik beschaftigt, del' Neapolitaner JOHANN BAPTISTA PORTA (16. Jahrhundert) el'llstlich erwahnenswert, da er seine physio gnomischen Studien auf den gesamten Bau des Menschen ausdehnte. "Erwahnt man (nach CARUS) seine wenn auch in dunkler Zeit mit vielem Wunderlich en und Irrigen vermischten Betrachtungen, erkennt man, wie er von del' Gesamt bildung ausgeht und die Bedeutung deren verschiedener Verhaltnisse bespricht und sieht man dann, wie nichts seiner Betrachtung entgeht, wie er bemliht ist, in allem eine gewisse seelische Bedeutung nachzuweisen, wie er yom Kopf und Kopfhaar anfangt, dann aIle Teile des Antlitzes, des Stammes, del' Glieder (usw.) durchgeht, so bekommt man eine wahre Achtung VOl' einem Geiste, welcher in einer im aIlgemeinen so wenig wissenschaftlichen Zeit einen groBen Gedanken edassen, vedolgen nnd in diesel' Weise aussprechen konnte." Entfacht durch den Enthusiasmus des Zliricher Predigers JOHANN KASPAR LAVATER, wird die Physiognomik am Ende des 18. Jahrhunderts wieder im wahrstenSinne des Wortes popular. In 4 Banden physiognomische Frag mente schildert LAVATER in rascher Folge (1775 1778) die Seele, wie er sie aus dem AuBeren des Menschen, aus Kopfform und Gesicht intuitiv erkennt. "Das Gesicht ist del' Spiegel del' Seele." "So widersprechend die Urteile libel' ein und dieselbe Gestalt seien, so gebe es doch gewisse Extreme (gewisse Ge stalten, Physiognomien usf.), von den en aIle Menschen, die nicht augenscheinlich toll seien, dasselbe Urteil fallten." In seiner temperamentvollen unkritischen Art sehieBt LAVATER weit libel'S Ziel, richtet auf intuitiv eda13tem Anschauungs material ohne sachliche Argumente ein Gebaude auf, das nach anfanglicher Begeisterung bald das Gespatt seiner Mitwelt wurde. So erachtet SCHILLER, trotz dem er eine organische Grundlage del' ganzen Physiognomik fUr m6glich halt, LAVATER flir einen leeren Schwarmer, nnd GOETHE, del' ihn zunachst als das "gra13te, weiseste, iunigste aller sterblichen und unsterblichen Wesen", das er kannte, bezeichnet, spricht als 39jahriger ein nicht mi13zuverstehendes cavete aus. Auch den um17 Jahre jlingeren GALL (1758 1828) trifft ein gleiches Schicksal, obwohl er zunachst mit mehr Kritik und wissenschaftlich weit besseren Unter lagen ans Werk geht, wie sein Vorganger. Schon als SchUler ein schader und kritischer Beobachter, vergleicht er Schadelbau und geistige Verfassung seiner Mitschliler. Nach anatomischen Studien )vurden dann die Beziehungen und Auswirkungen des Gehirns und dessen Form auf den knachel'llen Schadel unter sucht. Bei dem Bestreben, libel' diese sachlichen Feststellungen hinaus eine Organologie (von GALLS SchUler SPURZHEIM Phrenologie benannt) in gr613tem Ausma13 zu schaffen, verfiel auch GALL del' leeren Spekulation. Zunachst wird noch vorsichtig einer bestimmten seelischen Veranlagung eine festumrissene Korperbeschaffenheit zugeschrieben; so zeichnet sich del' Choleriker, del' Tatige, Lebhafte, Reizbare u. a. durch ma13ige Flille, schade ausdrucksvolle Zlige, 1*


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4 F. GEORGI: Korperbau und seelische Anlage. schwarzes Haar, dunkle Augen und gelbbraune Haut aus, wahrend der Melan choliker kleine Muskeln, feine Zuge, ein blasses und weiches Gesicht und zarte Haut besitzt; der Phlegmatiker wird durch eine groBe UnterleibshOhle, schlaffe Haut und helles Haar charakterisiert, der Sanguiniker endIich besitzt bei all gemein ausgesprochenen Korperformen vor allem eine groBe Btusthohle, massige Korperfulle, rostbraune Haare und ein frisches Gesicht. Mag hier bei intuitiver Erfassung neben vielen Irrtiimern manch guter Kern stecken besonders werm wir in Rechnung ziehen, daB im allgemeinen noch die griechische Temperamenten lehre iibernommen ist so geht im folgenden, z. B. der willkurlichen Einteilung des Gehirns in Quadrate und Kreise mit Abteilungen fur KindesIiebe, Diebes sinn, Gewissen usf., jeder amlehmbare MaBstab verloren. Eine groBe "Reihe unkritischer SchUler und Dilettantensorgten in der Folge dafur, daB der letzte Rest der GALLschen Leitidee, soweit sie uberhaupt aus dem Wust von phantastischer Spekulation noch ersichtIich war, begraben wurde. Erst von dem der Leipziger Fakultat angehorenden vergleichenden Anatomen und Physiologen KARL GUSTAV CARUS (1789 1869) wurde das Leib Seele Problem einem fur diese Zeit kritischen Studium unterzogen. In seinem 1856 erschienenen Buche: "Symbolikder menschIichen Gestalt" halt CARUS nach historisch kritischer Wurdigung seiner Vorganger selbst den Zeitpunkt fUr ge kommen, wo es, "da das Material der naturhistorischen und physiologischen Beobachtung des Menschen so ins Ungeheure sich gehauft hatte, als eine emp findliche Lucke erscheinen muBte, daB es immer noch an einem wirklichen Gesamtwerke uber die menschliche Gestalt fehlte; an einem Werke, welches von allgemeinen Proportionen der verschiedenen menschlichen Individualitaten ausging, welches selbst die Substanz des Organismus in Anschlag brachte und welches ehdlich aIle besonderen Gegenden des menschIichen Wunderbaues hin reichend in Betrachtung nehme, um auszusprechen und darzulegen, was irgendwie uber die psychische Bedeutung aller seiner Abweichungen und Besonderheiten genugende Auskunft zu bieten imstande war". Damit hatte CARUS nicht nur seine eigene Fragestellung umrissen, sondern er hielt auch seine Versprechungen in ganz auBergewohnlicher Weise. Wollte man CARUS in gleichem Atem mit LAVATER, GALL und ihren An hangern nennen, SO wiirde dies fast dem Gleichsetzen moderner konstitutioneller Forschungsergebnisse mit den in unseren Augen von phantastischen Speku lationen durchsetzten Bemuhungen der Phrenologen entsprechen. CARUS selbst trennt seine Ergebnisse scharf von allen seinen Vorgangern, wenn er schreibt, daB "aIle fruheren physiognomischen Versuche von ARISTOTELES bis auf PORTA und GALL.. . sich keines groBen Resultates versehen konnten, da von einer wissenschaftlichen Entwicklungsgeschichte, einer begrundeten physiologischen Symbolik so gut wie keine Ahnung bestand". Seine "Symbolik" schrieb CARUS am Ende seiner wissenschaftIichen Laufbahn, die durch eine Reihe ernster anatomischer, vergleichend anatomischer und vergleichend pathologischer Stu dien ausgezeichnet war. Dementsprechend grundete sich seine Temperamenten lehre nicht auf einer illtuitiven Erfassung der Korperbauverhaltnisse, sondern fuBte auf umfangreichen Studien uber die MaBverhaltnisse des menschlichell Skeletts. Bemerkenswert ist, daB CARUS, ahnlich den Bestrebungen einer Reihe moderner Konstitutionsforscher (vgl. FLORSCHUTZ, RAUTMANN, 1. BAUER, BRUGSCH u. a.), die "Normalwerte" fur GroBe, Gewicht, Brustumfang, Herz groBe usf. aufzustellen suchten, als erste Aufgabe nach Feststellung gewisser Proportionen innerhalb des Skelettbaues eine "rein mittlere, sozusagen abstrakt menschliche Bildung" in Erwahnung zog und dann erst auf "die wesentlichsten


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Historische Vorbemerkungen. 5 Bildungsabweichungen von dieser Mitte, d. h. auf individuelle menschliche Ge stalten und deren symbolische Bedeutung fUr jegliche Art von Konstitution, Temperament und geistige Anlage ... ausging". Aber die MaBe sind ihm nicht die einzige Handhabe zur "symbolischen Betrachtung", er griindet seine Anschauung vielmehr auf die Resultate dreier verschiedener Untersuchungsmethoden, die an sich heterogen zum gleichen SchluB fiihren sollen, "indem er einmal messend verfahrt (Organoskopie), indem er ein anderes Mal die Oberflache genau, je nach dem Charakter der ihr eigen tiimlichen ,Modellierung' beschreibt (Physiognomik) und endlich, indem er die jenigen Umstimmungen der auBeren Form, welche nicht von urspriinglicher Bildung, sondern von der Art der Lebensfiihrung abhangen, besonders ihrer Bedeutung nach beriicksichtigt (Pathognomik)". Man glaubt KRETSCHMER zu horen, wenn CARDS treffend weiterhin bemerkt, "daB auch eine solche wissen schaftliche Symbolik in ihrer Anwendung nie eines richtig vermittelnden Ge fiihls, eines feineren Takts, welcher selbst angeboren sein muB, ermangeln kann, kurz, daB sie wie viele Wisilenschaften in ihrer Anwendung gewissermaBen zu gIeich. zur Kunst werden miisse. Der organische Bau des Menschen enthalt neben der groBen Macht des Rationalen so viel ganz unerlaBliches Irrationales, daB nicht Wagen, Messen und Zahlen allein ausreichen. Nur eine gewisse Uber sicht und allgemeine Erwagung, nur eine feinere Fiihlung des Ubereinstimmenden und Nichtiibereinstimmenden, das Mehr und Weniger wird es sein, wodurch die wirkliche Anwendung der Grundsatze wissenschaftlicher Symbolik zu einer wahren Geltung gelangen kann, wodurch sie aber auch dann imstande sein wird, der Grundpfeiler dessen zu werden, was dem Menschen zu seinem Weltleben das Unentbehrlichste bleibt, der Menschenkenntnis." Bemerkenswert, wie CARDS vor Aufstellung seiner 5 Konstitutionsgruppen (I. cerebrale, sensible und athle tische Konstitution, II. phlegmatisch asthenische Konstitution, III. plethorische [arterielle, venose}, bootische, pneumatische, cholerische Konstitution, IV. chlo rotische, phthisische, atrophische und lymphatische Konstitution, V. laszive und sterile Konstitution), denen er 6 Temperamentsanlagen (I. cholerisches oder energisches Temperament, II. phlegmatisches, III. sanguinisches, IV. melancho lisches, V. psychisches und VI. elementares Temperament) in fiir uns noch in vieler Hinsicht unbefriedigender Weise gegeniiberstellt, bereits Einwanden von selbst Rechnung tragt, die gerade heute stark umstritten sind. Nach der schon von ihm erkannten Tatsache, daB Frauen weit schwieriger als Manner in kon stitutionell typologischer Beziehung zu klassifizieren sind, meint er, daB es "iibrigens am Tage liege, daB bei Beurteilung der Typen das Alter mit in An schlag gebracht werden miisse, da mit jedem spateren zunehmenden Jahre das Widersprechende der Bildung immer mehr sioh steigere". In gewissem Gegensatz auch zur gegenwartigen Auffassung steht ein von CARDS angefiihrtes Beispiel des Erscheinungswechsels von Korperkonstitution und Temperamentsanlage: "einen solohen Ubergang zeigte z. B. Napoleon, von der Eigentiimlichkeit des jungen femininen Korsen zum Embonpoint, des ruhigeren, aber despotischen Kaisers bis zur kranken und triiben Aufgedunsenheit des Verbannten auf St. He lena". Obwohl wir innerhalb der von CARDS aufgestellten Konstitutionstypen die spater zu besprechenden Typen KRETSCHMERS unschwer erkennen konnen, kann namentlich, wie erwahnt, in der Zuordnung der Temperamente seiner Lehre in vielen Einzelheiten heute keine Gefolgschaft mehr geleistet werden. Eine Reihe von Beobachtungen und die ganze Einstellung zu dem Problem sind, wie auch folgende Beispiele im Vergleich mit den spateren Erorterungen zeigen sollen, aber doch derart treffend, daB CARUS ohne Ubertreibung als der wissenscha/tliche Begrunder der Lehre von Korperbau und seelisoher Anlage


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